Demenzfreundliche Ausstattung: Wie Farben und Beschilderung Orientierung schaffen
Feb, 12 2026
Wenn jemand mit Demenz durch seine Wohnung geht, sieht er nicht nur Möbel und Wände. Er sieht eine Welt, die langsam unverständlich wird. Türen verschmelzen mit Wänden, Fußböden scheinen plötzlich Löcher zu haben, und die Toilette ist nirgends zu finden. Das liegt nicht an Vergesslichkeit allein - es liegt an der Umgebung. Eine schlecht gestaltete Farb- und Beschilderungslösung kann Angst, Verwirrung und Stürze verursachen. Eine gut durchdachte dagegen gibt Sicherheit, Ruhe und Selbstständigkeit zurück.
Warum Farben so wichtig sind
Menschen mit Demenz haben oft Probleme mit Kontrasten. Sie erkennen nicht mehr, wo der Boden endet und die Wand anfängt. Ein brauner Teppich auf einem braunen Holzboden? Das sieht für sie aus wie ein Loch. Ein glänzender Linoleumboden? Das reflektiert Licht und sieht aus wie Wasser - und das ist für viele ein Grund, nicht mehr darauf zu gehen. Studien zeigen, dass starke Farbkontraste zwischen Boden, Wänden und Möbeln die Orientierung deutlich verbessern. Ein weißer WC-Sitz auf einem dunkelgrauen Boden? Perfekt. Ein weißer Kühlschrank an einer weißen Wand? Problematisch. Die Farbe der Tür zur Toilette sollte sich deutlich von der Wand abheben - am besten in einem kräftigen Blau, Grün oder Rot. Diese Farben werden von Menschen mit Demenz oft noch gut wahrgenommen, weil die Netzhaut sie länger speichert. Auch Möbel sollten kontrastreich sein. Ein dunkelbrauner Stuhl auf hellgrauem Teppich? Ideal. Ein heller Stuhl auf hellem Boden? Dann sieht er aus wie ein schwebender Gegenstand - und das verunsichert. Die Regel ist einfach: Was du benutzen willst, muss sich deutlich vom Hintergrund abheben. Vermeide reflektierende Oberflächen. Glänzende Fliesen, Spiegel an falschen Stellen, glatte Holzböden - das alles wirkt wie eine optische Falle. Spiegel können dazu führen, dass jemand glaubt, ein Fremder sei im Raum. Glänzende Böden erzeugen Lichtflecken, die wie Wasser oder Löcher aussehen. Ein mattem, rutschfesten Bodenbelag aus Laminat oder Kork ist die beste Wahl. Er ist sicher, leicht zu reinigen und sorgt für klare visuelle Grenzen.Was gute Beschilderung leistet
Beschilderung ist kein Luxus - sie ist eine Notwendigkeit. Ein Schild mit dem Wort "Toilette" reicht nicht aus. Viele Menschen mit Demenz können Wörter nicht mehr lesen. Sie brauchen Bilder. Ein Schild mit einem Toilettensymbol, klar und groß, davor oder daneben, macht den Unterschied. Und es muss an der richtigen Stelle sein: direkt über der Tür, nicht daneben, nicht darunter. Wanduhren und Wandkalender sind ebenfalls entscheidend. Eine Uhr mit großen Ziffern, klarer Zeigerstellung und ohne unnötige Details hilft, den Tag zu strukturieren. Ein Kalender mit dem Datum, dem Wochentag und dem Monat - in großen Buchstaben, mit Bildern für die Jahreszeiten - gibt Halt. Wer weiß, heute ist Montag, und Montag ist Waschtag? Das schafft Routine. Und Routine ist Sicherheit. Auch Türen brauchen klare Kennzeichnung. Die Tür zur Küche? Ein Bild von einem Teller oder einer Gabel. Die Tür zum Schlafzimmer? Ein Bett. Die Tür zum Wohnzimmer? Ein Sofa. Keine Nummern. Keine Buchstaben. Keine komplizierten Symbole. Einfache, bekannte Bilder, die jeder versteht - auch wenn er nicht mehr lesen kann. Vermeide Überlastung. Zu viele Schilder, zu viele Farben, zu viele Muster an den Wänden - das überfordert. Eine Wohnung mit blumenbedruckten Tapeten, einem bunt gestreiften Teppich und 15 Schildern an der Wand? Das ist kein Hilfsmittel. Das ist ein Stressfaktor. Weniger ist mehr. Klare, ruhige Flächen, ein oder zwei klare Orientierungspunkte pro Raum - das ist das Ziel.Was die Normen vorschreiben
In Deutschland gibt es klare Standards, die bei der Planung helfen. Die DIN 18040-1 beschreibt, wie barrierefreie Räume gestaltet werden - und das gilt auch für Menschen mit Demenz. Die Norm sagt: Kontraste müssen mindestens 30 Prozent betragen. Das heißt: Ein heller Boden braucht eine dunkle Wand. Ein dunkler Boden braucht eine helle Wand. Ein weißer Kühlschrank an einer weißen Wand hat einen Kontrast von unter 5 Prozent - das ist zu wenig. Die DIN EN 17210 ergänzt das für Pflegeeinrichtungen. Hier wird explizit gefordert, dass Türen, Möbel und sanitäre Einrichtungen so gestaltet werden, dass sie ohne Hilfe gefunden werden können. Das bedeutet: Die Toilette muss sich von der Wand abheben. Der Waschbeckenrand muss dunkler sein als die Wand. Der Boden vor der Dusche muss sich farblich vom Rest des Badezimmers unterscheiden - damit man weiß, wo der Nassbereich beginnt. Diese Normen gelten nicht nur für Pflegeheime. Sie gelten für jede Wohnung, in der jemand mit Demenz lebt - ob privat, in einer WG oder in einer betreuten Wohngemeinschaft. Wer hier nicht nach den Standards baut, baut nicht barrierefrei. Er baut eine Umgebung, die unsicher ist.
Was du in deiner Wohnung ändern kannst
Du musst nicht komplett umbauen. Kleine Veränderungen machen schon einen großen Unterschied.- Die Toilette: Mal die Tür in einem kräftigen Blau oder Grün anstreichen. Den Sitz mit einem weißen oder hellen Aufkleber kennzeichnen. Ein großes Symbol auf die Wand kleben - direkt über der Tür.
- Die Küche: Den Kühlschrank mit einem hellen Streifen abgrenzen. Ein Bild von Obst oder Milch an die Tür kleben. Den Herd mit einem dunklen Rand versehen - damit man ihn als warme Stelle erkennt.
- Das Badezimmer: Den Boden vor der Dusche in einer anderen Farbe legen - z.B. grau statt weiß. Die Duschvorhangstange mit einem dunklen Band markieren. Den Spiegel vermeiden oder mit einem Vorhang abdecken.
- Die Treppe: Jede Stufe mit einem hellen oder dunklen Streifen absetzen. So wird die Höhe sichtbar. Keine glatten Fliesen. Keine Teppichkanten, die hochstehen.
- Die Uhr und der Kalender: Eine analoge Uhr mit großen Ziffern und klaren Zeigern an die Wand hängen. Den Kalender mit den Tagen, Monaten und Bildern für die Jahreszeiten ausdrucken und laminieren. Nicht zu viel Text - nur das Wesentliche.
Was du vermeiden solltest
Einige Dinge sind verlockend - aber gefährlich.- Spiegel an Wänden: Sie können verwirren. Wer sieht, wenn er sich umdreht? Ein Fremder? Ein Kind? Ein alter Mann? Das löst Angst aus.
- Fliesen mit Mustern: Streifen, Blumen, Wellen - das sieht aus wie ein Hindernis. Ein einfarbiger, matten Belag ist sicherer.
- Glänzende Böden: Sie reflektieren Licht und erzeugen falsche Schatten. Das führt zu Unsicherheit und Stürzen.
- Zu viele Farben: Jede Wand in einer anderen Farbe? Nein. Zwei bis drei Farben im ganzen Haus - mehr nicht. Ruhe schafft Orientierung.
- Komplizierte Schilder: "Badezimmer", "WC", "Toilette“ - das ist zu viel. Ein Symbol reicht. Und es muss groß sein.
Warum Technik noch nicht die Lösung ist
Es gibt Apps, die per Smartphone die Tür zur Toilette anzeigen. Es gibt Lichtstreifen, die auf dem Boden einen Pfad leuchten. Es gibt Sprachassistenten, die fragen: "Möchtest du zur Toilette?" Aber die meisten Menschen mit Demenz nutzen das nicht. Sie haben kein Smartphone. Sie haben Angst vor Technik. Sie verstehen keine Menüs. Sie brauchen etwas, das da ist - ohne Knopfdruck, ohne App, ohne Ladekabel. Die beste Technik ist die, die man nicht braucht. Eine Tür, die man sieht. Ein Boden, der sich anfühlt. Ein Schild, das man versteht - ohne zu lesen. Das ist die wahre Innovation.Es geht um Würde
Demenzfreundliche Gestaltung ist kein Trend. Es ist eine Frage der Würde. Wer nicht mehr weiß, wo er ist, verliert nicht nur Orientierung - er verliert Kontrolle. Wer sich nicht mehr selbst helfen kann, wird abhängig. Und Abhängigkeit fühlt sich wie Verlust an. Durch klare Farben und einfache Beschilderung gibst du jemandem mit Demenz etwas zurück: die Möglichkeit, allein zu sein. Die Möglichkeit, zur Toilette zu gehen, ohne Hilfe. Die Möglichkeit, die Küche zu finden, ohne Angst. Die Möglichkeit, sich sicher zu fühlen - in seiner eigenen Wohnung. Das ist nicht schwer. Es ist einfach. Und es ist menschlich.Welche Farben eignen sich am besten für Menschen mit Demenz?
Blau, Grün und Rot sind oft gut wahrnehmbar, weil sie von der Netzhaut länger gespeichert werden. Weiß, Gelb und Hellgrau sind weniger gut, da sie oft mit Wänden verschmelzen. Dunkle Farben wie Braun, Dunkelblau oder Dunkelgrün eignen sich gut als Kontrast zu hellen Flächen. Vermeide pastellige oder zu ähnliche Farbtöne - sie führen zu Verwirrung.
Wie stark muss der Farbkontrast sein?
Nach DIN 18040-1 sollte der Kontrast zwischen zwei benachbarten Flächen mindestens 30 Prozent betragen. Das bedeutet: Ein heller Boden braucht eine dunkle Wand, ein dunkler Kühlschrank braucht eine helle Wand. Ein Kontrast von unter 20 Prozent ist oft nicht ausreichend, um visuell unterscheidbar zu sein. Praktisch: Wenn du mit einem Smartphone ein Foto machst und es in Schwarz-Weiß anschaust, sollten die Elemente noch klar voneinander abgehoben sein.
Sind Spiegel in Wohnräumen mit Demenzbetroffenen erlaubt?
Spiegel sind problematisch. Viele Menschen mit Demenz erkennen ihr eigenes Spiegelbild nicht mehr und halten es für eine andere Person. Das kann zu Angst, Aggression oder Verwirrung führen. Spiegel sollten vermieden werden - besonders in Fluren, Badezimmern und Schlafzimmern. Wenn unbedingt nötig, dann nur in Bereichen, die nicht direkt vom Sitzplatz oder Bett aus sichtbar sind, und besser mit einem Vorhang abdeckbar.
Wie viele Schilder braucht man?
Weniger ist mehr. Ein Schild pro wichtiger Tür - Toilette, Küche, Schlafzimmer, Wohnzimmer. Keine Schilder an Wänden, die nicht direkt vor der Tür hängen. Keine Schilder mit Text - nur klare, große Symbole. Zu viele Schilder überladen das Gehirn und führen zu Stress. Zwei bis drei Schilder im gesamten Wohnbereich reichen oft aus, wenn sie gut platziert sind.
Können auch kleine Wohnungen demenzfreundlich gestaltet werden?
Ja, sogar besonders wichtig. In kleinen Räumen ist Orientierung noch schwieriger, weil es weniger Raum für visuelle Hinweise gibt. Aber gerade deshalb ist klare Struktur entscheidend. Ein kontrastreicher Boden, ein farbig markierter Türgriff, ein großes Symbol an der Tür - das reicht. Es geht nicht um Größe, sondern um Klarheit. Auch in einer 40-Quadratmeter-Wohnung kann Sicherheit geschaffen werden.
Carola van Berckel
Februar 12, 2026 AT 13:06Ich hab meine Oma letztes Jahr umgebaut - blaue Tür zur Toilette, weißer Sitz, kein Spiegel mehr im Bad.
Seitdem geht sie allein hin. Kein Helfer mehr nötig.
Das ist mehr als Design, das ist Freiheit.
Und ja, ich hab auch die Wanduhr mit großen Ziffern dran gehängt.
Kein Text, nur Zahlen und Zeiger.
Keine App. Kein Knopf.
Nur das, was man sieht.
Und plötzlich war sie wieder da.
Die Oma, die sich selbst helfen konnte.
Keine Tränen mehr beim Ankleiden.
Keine Panik, wenn sie die Küche nicht fand.
Ich hab gedacht, das kostet viel Geld.
War nur Farbe, Kleber und ein bisschen Mut.
Und ein paar Schilder aus dem Bastelladen.
Das war’s.
Kein Genius, nur Menschlichkeit.
Max Alarie
Februar 12, 2026 AT 15:09Die DIN 18040-1 wird hier ignoriert, als wäre sie ein Vorschlag und kein Gesetz. Kontraste unter 30 % sind nicht nur ineffektiv - sie sind gefährlich. Wer das nicht versteht, baut nicht barrierefrei. Er baut eine Falle. Und das ist nicht nur unethisch, es ist strafbar, wenn jemand stürzt, weil jemand sich an den Normen vorbeigedacht hat. Diese Kommentare sind kein Designblog. Es ist eine Lebensfrage.