Generationenmodell: Wie Familien das Elternhaus gemeinsam renovieren und Mehrgenerationenwohnen leben

Generationenmodell: Wie Familien das Elternhaus gemeinsam renovieren und Mehrgenerationenwohnen leben Mär, 17 2026

Stell dir vor, dein Elternhaus wird nicht abgerissen oder verkauft, sondern umgebaut - nicht nur für dich, sondern für deine Eltern, deine Kinder und vielleicht sogar deine Geschwister. Das ist kein Traum, sondern eine Realität, die immer mehr Familien in Deutschland leben. Das Generationenmodell ist keine neue Modeerscheinung. Es ist eine Antwort auf echte Probleme: steigende Pflegekosten, Wohnraumknappheit, und die Sehnsucht nach Nähe, ohne auf Privatsphäre verzichten zu müssen.

Warum renovieren statt neu bauen?

Viele Familien denken zuerst an einen neuen Bungalow im Garten oder eine kleine Wohnung im Mehrfamilienhaus. Aber die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Wer das bestehende Elternhaus renoviert, spart im Durchschnitt 35 Prozent im Vergleich zum Neubau. Das hat mehrere Gründe. Keine neuen Grundstücks kosten, keine Makler, keine langwierigen Baugenehmigungen. Stattdessen nutzt du das, was schon da ist: das Fundament, die Wände, die Lage - oft mitten im Ort, in der Nähe von Schulen, Ärzten und Einkaufsmöglichkeiten.

Laut einer Studie der Technischen Universität München kostet eine Renovierung für drei separate Wohnbereiche zwischen 85.000 und 120.000 Euro. Das klingt viel, aber vergleiche das mit einem Neubau: Da liegen die Kosten oft bei über 150.000 Euro. Und das ist nur der Anfang. Wer ein neues Haus baut, muss auch die Infrastruktur neu verlegen: Strom, Wasser, Abwasser. Beim renovierten Elternhaus bleibt das meistens erhalten.

Was muss beim Umbau unbedingt passieren?

Es reicht nicht, einfach drei Zimmer zu teilen. Ein echtes Mehrgenerationenwohnen funktioniert nur, wenn jede Wohnung für sich selbstständig ist. Das bedeutet: Jeder Wohnbereich braucht seine eigene Küche, sein eigenes Bad und einen separaten Eingang. Sonst wird es schnell eng - und nicht nur räumlich.

Dazu kommt die Energieeffizienz. Seit November 2020 gilt das Gebäudeenergiegesetz (GEG). Nach der Renovierung darf das Haus nicht mehr als 75 kWh pro Quadratmeter und Jahr verbrauchen. Das heißt: Neue Fenster, gute Dämmung, eine moderne Heizung. Wer das nicht macht, bekommt keine Förderung - und später höhere Kosten.

Barrierefreiheit ist kein Bonus, sondern Pflicht. Die Deutsche Gesellschaft für Allgemeine und Familienmedizin (DEGAM) schreibt vor: Korridore müssen mindestens 1,20 Meter breit sein, Türen sollten 90 Zentimeter öffnen, und Bäder brauchen keine Stufen mehr. Viele Familien vergessen das, bis es zu spät ist. Dann muss teuer nachgebessert werden.

Ein Aufzug? Nicht unbedingt nötig - aber fast immer sinnvoll. Laut einer Umfrage des Verbands Privater Bauherren kostet ein kleiner Hauslift etwa 28.500 Euro. Für viele ist das die Investition, die den Unterschied macht: Mutter kann wieder in die Küche gehen, Opa kommt ohne Hilfe ins Obergeschoss, und die Enkelkinder haben Platz zum Spielen.

Eine Familie teilt eine Küche in einem renovierten Haus, während hinter offenen Türen die privaten Wohnbereiche der drei Generationen sichtbar sind.

Die drei größten Fehler, die Familien machen

Nicht jede Renovierung läuft glatt. Die meisten Probleme entstehen nicht wegen der Baustelle, sondern wegen der Familie.

Erster Fehler: Kein Vertrag. Ja, du hast recht - es ist unangenehm. Aber ohne einen notariell beglaubigten Nutzungsvertrag, der genau regelt, wer was zahlt, wer welche Räume nutzt und wie man aussteigt, enden 28 Prozent der Projekte laut Professorin Dr. Michaela Poeschl in familiären Konflikten. Manche Familien haben danach jahrelang keinen Weihnachtsabend mehr gemeinsam verbracht.

Zweiter Fehler: Finanzierung ohne Plan. Wer glaubt, das kann man einfach unter Geschwistern aufteilen, irrt sich. In einer Umfrage des Deutschen Familienverbandes gaben 22 Prozent an, dass sie sich über die Nutzung der Gemeinschaftsräume streiten - weil einer dachte, der Keller ist für alle, und der andere dachte, er ist nur für die Eltern. Die Lösung? Ein klarer Plan: Wer wie viel zahlt, bekommt wie viel Raum. Und wer später auszieht, wie wird das abgewickelt?

Dritter Fehler: Die Zukunft ignorieren. Die meisten Familien denken nur an die nächsten fünf Jahre. Aber was, wenn die Eltern plötzlich pflegebedürftig werden? Was, wenn die Kinder studieren und später zurückkommen? Ein gut geplanter Umbau lässt sich später noch anpassen. Ein schlechter ist für Jahrzehnte festgelegt.

Was bringt es wirklich?

Es gibt Zahlen, die zeigen, dass das mehr als nur ein finanzielles Projekt ist.

68 Prozent der Familien, die das Generationenmodell umgesetzt haben, sagen, dass sich das familiäre Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt hat. Die Kinder haben täglich Kontakt zu ihren Großeltern. Die Eltern können helfen, wenn die Kinder krank sind. Und die Großeltern fühlen sich nicht mehr allein.

Dr. Beate Jochimsen vom Deutschen Institut für Urbanistik hat nachgewiesen: Mehrgenerationenwohnen erhöht die Wahrscheinlichkeit von Nachbarschaftshilfe um 63 Prozent. Wer nebenan lebt, hilft beim Einkaufen, beim Abholen vom Kindergarten, beim Reparieren der Waschmaschine. Das ist kein Luxus. Das ist Sicherheit.

Und dann ist da noch die Zahlenreihe, die kaum jemand erwähnt: Die Pflegekosten sinken um bis zu 70 Prozent. Wenn deine Mutter nicht mehr in ein Pflegeheim muss, sondern in einem separaten Apartment im eigenen Haus wohnen kann - mit einer Pflegekraft, die täglich kommt - dann sparest du nicht nur Geld. Du sparst Zeit. Du sparst Sorgen. Und du gibst ihr Würde.

Ein transparentes Modell eines renovierten Hauses, das alte Strukturen, neue Dämmung und drei separate Wohnbereiche mit barrierefreien Zugängen zeigt.

Wie fängst du an?

Du hast ein Elternhaus, das alt ist, aber noch steht. Du hast Kinder, die nicht wegziehen wollen. Du hast Eltern, die nicht allein leben wollen. Was jetzt?

Erster Schritt: Ein Gespräch. Nicht über Geld. Sondern über Werte. Was ist euch wichtig? Nähe? Unabhängigkeit? Flexibilität? Wer will was? Wer kann was beisteuern?

Zweiter Schritt: Eine Beratung. Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GIZ) bietet seit 2021 ein kostenloses Beratungsangebot an: „Mehrgenerationenwohnen planen“. Über 2.500 Familien pro Quartal nutzen es. Es gibt keine Werbung, keine Verkaufsgespräche. Nur klare Informationen: Was ist möglich? Was kostet es? Was brauchst du rechtlich?

Dritter Schritt: Ein Vertrag. Nicht von einem Anwalt, den du nicht kennst. Sondern von einem Notar, der weiß, wie solche Familienverträge funktionieren. Der Deutsche Notarinstitut sagt: 85 Prozent dieser Verträge halten vor Gericht - wenn sie gut gemacht sind.

Vierter Schritt: Die Förderung. Die KfW fördert seit Januar 2023 Renovierungen für Mehrgenerationenwohnen mit bis zu 15 Prozent Zuschuss - maximal 150.000 Euro. Dazu kommt das Programm 159, das auch energetische Sanierungen unterstützt. Du musst nicht reich sein. Du musst nur planen.

Was kommt als Nächstes?

Die Bundesregierung plant für 2024 ein neues Gesetz: die „Generationenwohnprämie“. Damit soll die Renovierung eines Elternhauses steuerlich begünstigt werden. Bis 2030 wird laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung jeder fünfte Haushalt in Deutschland in einer Mehrgenerationen-Wohnform leben. Das ist kein Trend. Das ist der neue Normalzustand.

In Bayern leben schon jetzt 18,7 Prozent der Familien so. In Berlin nur 9,3 Prozent. Warum? Weil dort die Mieten explodiert sind. In Salzburg, wo ich lebe, steigen die Preise für Wohnungen um 5 Prozent pro Jahr. Wer ein eigenes Haus hat - und es clever umbaut - hat eine Chance, die andere nicht haben.

Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Es geht darum, menschlich zu sein. Ein Haus zu retten, das schon viel gesehen hat. Eine Familie zu vereinen, die sich sonst verstreut hätte. Kinder, die Großeltern lernen, ohne sie zu vermissen. Und Eltern, die nicht mehr allein sein müssen.

Das ist das Generationenmodell. Nichts Besonderes. Aber etwas Wichtiges.