Gutachten anfechten: So bekommen Sie eine faire Immobilienbewertung
Feb, 13 2026
Wenn das Finanzamt Ihren Haus- oder Wohnwert plötzlich um 50 Prozent höher ansetzt als Sie glauben, ist das nicht nur unfair - es kostet Geld. Jedes Jahr werden Tausende Grundsteuerbescheide angefochten, aber nur wenige schaffen es, erfolgreich zu sein. Warum? Weil die meisten Eigentümer nicht wissen, was ein gerichtsfestes Gegengutachten wirklich leisten muss. Es geht nicht nur darum, dass Sie denken, der Wert ist zu hoch. Es geht um Beweise. Um Zahlen. Um Regeln, die in der Immobilienwertermittlungsverordnung (ImmoWertV) stehen - und die Sie kennen müssen, wenn Sie erfolgreich anfechten wollen.
Warum wird ein Immobilienwert überhaupt angefochten?
Seit 2022 hat sich alles geändert. Die neue Grundsteuerreform hat alle Immobilien in Deutschland neu bewertet. Die Finanzämter haben dabei oft das sogenannte Sachwertverfahren angewendet: Bodenrichtwert plus Gebäudewert. Klingt einfach? Ist es aber nicht. Denn viele Finanzämter nutzen alte Daten, ignorieren den tatsächlichen Zustand der Immobilie oder setzen unrealistische Mietpreise an. Ein Beispiel aus Hildesheim: Ein Einfamilienhaus mit 120 m² Wohnfläche, 30 Jahre alt, ohne Sanierung, wurde mit einer hypothetischen Nettokaltmiete von 12 Euro pro Quadratmeter bewertet. In der Realität liegt die Miete hier bei 8,50 Euro. Das ist kein kleiner Fehler - das ist ein Fehler, der jährlich mehrere hundert Euro an Mehrkosten bedeutet.Die 40-Prozent-Regel: Ihr Schlüssel zum Erfolg
Das Finanzamt hat ein klares Kriterium: Sie dürfen nur dann erfolgreich anfechten, wenn der festgesetzte Grundsteuerwert mindestens 40 Prozent über dem tatsächlichen Verkehrswert liegt. Das steht nicht in irgendeinem Gesetz, sondern in den internen Erlässen der Finanzverwaltung. In Sachsen wurde das sogar dokumentiert: Zwischen 2022 und 2023 waren 18,7 Prozent aller Anfechtungen erfolgreich - und alle hatten ein qualifiziertes Gegengutachten vorgelegt. Ohne diesen Nachweis ist Ihr Brief an das Finanzamt nur Papier.Was ist ein gültiges Gegengutachten?
Ein Gutachten von Ihrem Nachbarn, der mal ein Haus verkauft hat, zählt nicht. Ein Angebot von einem Online-Tool, das Ihnen einen Wert ausrechnet, zählt nicht. Ein Gutachten, das von jemandem erstellt wurde, der nicht staatlich anerkannt ist, zählt nicht. Was zählt? Ein offiziell bestellter oder zertifizierter Sachverständiger. Das bedeutet: Er muss entweder öffentlich bestellt und vereidigt sein (öbuv) oder eine Zertifizierung nach DIN EN ISO/IEC 17024 vorweisen können. Der Bundesverband Deutscher Sachverständiger (bdsf) zählt aktuell nur etwa 1.850 solcher Experten in ganz Deutschland. Das ist kein Massenmarkt. Das ist ein professionelles Feld - und das müssen Sie auch nutzen.
Was kostet ein Gegengutachten?
Ein professionelles Gegengutachten kostet zwischen 1.000 und 2.500 Euro - je nach Größe, Lage und Komplexität der Immobilie. Das klingt viel, aber vergleichen Sie das mit den Kosten, die Sie über Jahre zahlen: Ein falsch bewertetes Haus mit 15.000 Euro Grundsteuerwert mehr bedeutet bei einem Hebesatz von 400 Prozent und einem Steuersatz von 0,35 Prozent jährlich über 210 Euro mehr Grundsteuer. In zehn Jahren sind das über 2.000 Euro. Das Gegengutachten amortisiert sich also oft innerhalb eines Jahres. Wichtig: Prüfen Sie vorher die Qualifikation des Gutachters. Fragen Sie nach der Zertifizierungsnummer. Schauen Sie, ob er im Verzeichnis des Landesamts für Steuern oder des bdsf gelistet ist.Wie läuft die Anfechtung ab?
Es gibt drei Schritte - und der erste ist oft der wichtigste.- Prüfen Sie die Zahlen im Bescheid: Steht dort ein Bodenrichtwert, der nicht zu Ihrer Straße passt? Ist die Nettokaltmiete höher als die real erzielbare Miete in Ihrer Nachbarschaft? Hat das Finanzamt den Zustand der Immobilie ignoriert? Sammeln Sie Fotos, Mietverträge, Kaufpreise ähnlicher Objekte. Das ist Ihr Beweismaterial.
- Sprechen Sie mit dem Gutachter: Viele Fehler passieren durch Missverständnisse. Ein Anruf, ein Gespräch - oft kann man das klären, ohne ein Gerichtsverfahren zu starten. In Hildesheim hat ein Hausbesitzer 2023 einen Fehler in der Gebäudewertung korrigiert bekommen, nachdem er dem Gutachter die aktuelle Sanierungsrechnung gezeigt hat.
- Beauftragen Sie einen unabhängigen Sachverständigen: Wenn das Gespräch nichts bringt, holen Sie sich ein offizielles Gegengutachten. Dieses muss die ImmoWertV einhalten, also alle wertrelevanten Faktoren berücksichtigen: Lage, Zustand, Größe, Ausstattung, Mikrolage (z.B. Nahversorgung, Verkehrsanbindung) und Makrolage (z.B. regionale Wirtschaft, Zinsentwicklung).
Was ist der Unterschied zwischen Sachwert und Verkehrswert?
Das ist der Kern des Problems. Das Finanzamt rechnet oft mit dem Sachwert: Bodenrichtwert plus Gebäudewert nach Baukosten. Aber der Gesetzgeber sagt: Verkehrswert ist maßgeblich. Und der Verkehrswert ist der Preis, den ein Käufer in der Realität zahlen würde - unter normalen Marktbedingungen. Ein Haus mit 100 m², 40 Jahre alt, ohne Dachsanierung, in einer Gegend mit sinkenden Preisen - das hat einen Verkehrswert von 180.000 Euro. Das Finanzamt sagt: 280.000 Euro. Warum? Weil es den Bodenrichtwert aus dem Jahr 2010 verwendet und den Zustand ignoriert. Ein Gutachter, der den Verkehrswert richtig berechnet, zeigt: Der Wert liegt bei 185.000 Euro. Der Unterschied: 95.000 Euro. Und das ist mehr als 40 Prozent.
Was passiert, wenn es vor Gericht geht?
Wenn das Finanzamt Ihre Anfechtung ablehnt, bleibt nur das Verwaltungsgericht. Dort entscheidet nicht der Gutachter. Nicht das Finanzamt. Sondern ein Richter. Und der Richter schaut auf ein einziges Dokument: das Gegengutachten. Wenn es nicht den Anforderungen der ImmoWertV entspricht, wenn der Gutachter nicht zertifiziert ist, wenn die Begründung lückenhaft ist - dann verlieren Sie. Der Bundesgerichtshof hat 2013 klargestellt: Die Haftung des Gutachters hängt nur vom konkreten Auftrag ab. Er muss nicht den ganzen Keller untersuchen. Er muss nur sagen: Was ist der Verkehrswert? Und wie hat er das berechnet?Was Sie nicht tun sollten
- Nicht mit einem Online-Rechner argumentieren - die sind für die Finanzämter wertlos.
- Nicht auf ein Gutachten von einem Bauträger oder Makler vertrauen - die haben kein Recht, offiziell zu bewerten.
- Nicht warten, bis der Bescheid kommt - prüfen Sie früh, ob Ihre Immobilie von der Reform betroffen ist.
- Nicht glauben, dass „einfach so“ ein niedrigerer Wert automatisch kommt - Sie müssen beweisen, warum er zu hoch ist.
Die Zukunft: Digitalisierung und Vereinheitlichung
Seit 2021 haben viele Bundesländer digitale Bodenrichtwertkarten eingeführt. In Niedersachsen können Sie jetzt online sehen, welcher Wert für jede Parzelle gilt - und warum. Das macht die Bewertung transparenter. Aber es macht auch die Anfechtung komplexer: Denn wenn alle denselben Wert sehen, wird es schwerer, einen Unterschied nachzuweisen. Gleichzeitig steigt die Zahl der Anfechtungen: Der Bundesverband deutscher Volks- und Betriebswirte (bdvb) rechnet mit einem Anstieg um 32 Prozent im Jahr 2025. Die Bundesregierung plant für 2025 eine Überarbeitung der ImmoWertV - um die Regeln klarer zu machen. Aber bis dahin: Sie sind auf sich allein gestellt. Und wer jetzt handelt, hat die besten Chancen.Kann ich mein Gutachten selbst erstellen?
Nein. Ein selbst erstelltes Gutachten hat keine rechtliche Gültigkeit. Nur ein staatlich zertifizierter Sachverständiger kann ein anerkanntes Gegengutachten erstellen. Selbst wenn Sie Immobilienkenntnisse haben - das Finanzamt und das Gericht erkennen nur offizielle Gutachten an.
Wie lange dauert es, bis eine Anfechtung bearbeitet wird?
Im Durchschnitt dauert es zwischen drei und acht Monate, bis das Finanzamt eine Antwort gibt. Wenn Sie in die nächste Instanz gehen, kann es bis zu zwei Jahre dauern. Deshalb ist es wichtig, frühzeitig mit einem Sachverständigen zu sprechen - nicht erst, wenn der Bescheid schon drei Monate alt ist.
Gilt die 40-Prozent-Regel auch für Gewerbeimmobilien?
Ja. Die Regel gilt für alle Immobilien, die zur Grundsteuererhebung herangezogen werden - also Wohn- und Gewerbeimmobilien gleichermaßen. Die Berechnung des Verkehrswerts unterscheidet sich zwar etwas (z.B. mit Miet- und Ertragswertverfahren), aber die 40-Prozent-Schwelle bleibt bestehen.
Was passiert, wenn ich das Gegengutachten verliere?
Sie können eine Kopie beim Gutachter anfordern - er ist verpflichtet, Ihnen eine Kopie auszuhändigen. Sollte er das verweigern, können Sie beim Finanzamt oder Gericht eine formelle Anfrage stellen. Aber: Kopien sind nicht ausreichend. Nur das Original mit Unterschrift und Stempel zählt. Bewahren Sie es also sicher auf.
Kann ich mehrere Gutachten einreichen?
Ja, aber nur ein einziges, qualifiziertes Gutachten ist entscheidend. Mehrere Gutachten können verwirren und den Eindruck erwecken, dass Sie nicht wissen, was Sie wollen. Besser: Ein einziges, detailliertes, fundiertes Gutachten von einem anerkannten Experten - das ist überzeugender als drei halbherzige.
Niamh Manning
Februar 13, 2026 AT 07:24Enna Sheey
Februar 13, 2026 AT 23:36